Dann fange ich mit der Machbarkeitsstudie selbst an…

Der Anlass dafür, sich in das Thema ‚S-Bahn‘ einzuarbeiten, war die schlechte ÖPNV-Anbindung von Gehrden. Zur Verbesserung brauchen wir kurzfristig die Verlängerung der Linie 500. Und langfristig? Das Optimum wäre ein eigener S-Bahn-Anschluss.  Als Ratsherr der LINKEN. im Rat der Stadt Gehrden hatte ich im Sommer 2020 eine Machbarkeitsstudie dafür gefordert. Die Entscheidung des Rates war allerdings, erwartungsgemäß, negativ. Wenn man sich im Vorfeld nicht abspricht und einen solchen Antrag gemeinsam mit einer der großen Fraktionen im Rat stellt (in Gehrden sind SPD, CDU und Grüne), dann sind die Erfolgsaussichten eher gering. Das Ziel, eine öffentliche Debatte darüber anzustoßen, habe ich allerdings erreicht. Die Calenberger Zeitung ausführlich darüber berichtet.

Im Anschluss an den Antrag habe ich allerdings nicht aufgehört, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Vieles von dem, was in einer Machbarkeitsstudie stehen würde, kann ich auch als Laie recherchieren. Dieses Positionspapier fasst Teile der Ergebnisse zusammen.

Die begrenzten Kapazitäten des Hauptbahnhof Hannover

Eine der ersten Punkte, die man herausfindet, wenn man sich weiter mit dem Thema beschäftigt, ist die Tatsache, dass die Kapazitäten des Hauptbahnhofs in Hannover arg begrenzt sind. Zusätzliche S-Bahnen zur Hauptverkehrszeit wären nur nach einem Ausbau des Hauptbahnhofs möglich. Der Ausbau von Gleis 15 und 16 ist zwar beschlossen (Artikel der HAZ), aber vermutlich werden an den beiden neuen Gleisen „S-Bahnen und Regionalzüge für die Verbindungen Richtung Osten“ halten. Es ergibt zu diesem Zeitpunkt daher gar keinen Sinn, die zusätzliche Strecke für die S-Bahn nach Gehrden zu fordern, es käme zunächst einmal darauf an, die Kapazitäten für die S-Bahn in Hannover zu erhöhen. Und wenn man das erreicht hätte, dann hätte eine Verbesserung des Taktes der S-Bahn auf den bestehenden Strecken eine höhere Priorität als der Neubau einer zusätzlichen Trasse.  

Direktverbindungen vom Bahnhof Barsinghausen zum Hauptbahnhof nach Hannover (d.h., ohne den Umweg über Haste), gibt es aktuelle 3 pro Stunde zur Hauptverkehrszeit, eine davon ist die Expressverbindung mit der S21. Wenn wir eine Verkehrswende wollen, dann ist das zu wenig. Ein wirklich attraktiver ÖPNV fährt so häufig, dass man spontan zur Station gehen kann, und innerhalb von 10 Minuten eine Bahn (oder ein Bus) kommt; ein 15-Minuten-Takt sollte es schon sein, ein 10-Minuten-Takt wäre optimal.  Außerdem gilt die S-Bahn von Barsinghausen nach Hannover zwar nicht als überfüllt, aber zur Hauptverkehrszeit doch als voll. Auch in dieser Hinsicht wäre eine Taktverdichtung der S-Bahn wünschenswert. Dies gilt natürlich nicht nur für die S1 und S2 aus Richtung Barsinghausen, sondern auch für die S5 aus Richtung Springe.  

Kapazitätsreserve? Ausbau der Güterumgehungsbahn Hannover mit zusätzlichen Gleisen

Bei der Suche nach einer Möglichkeit, die Kapazitäten für die S1 und S2 zu erhöhen, kommt der Hauptbahnhof wohl nicht in Frage. Zum einen werden die durch den geplanten Ausbau entstehenden zusätzlichen Kapazitäten wahrscheinlich für die Taktverdichtung der S6 & S7 genutzt („Richtung Osten“), zum anderen wird sich der Ausbau, dem zitierten Artikel der HAZ zu Folge, wohl bis 2032 hinziehen. Es gibt aber eine mögliche Alternative.

Zwischen Wunstorf im Westen und Lehrte im Osten verläuft die Strecke der Güterumgehungsbahn Hannover (Wikipedia); auf der Strecke zwischen Letter und Bornum gibt dabei bislang keine Gleise für die S-Bahn. Die Idee, dass man diese Strecke für die S-Bahn nutzen könnte, ist nicht neu. Die PDS hat dies schon einmal in den 1990ern gefordert. Aktuell wird diese Idee von der Bürgerinitiative Wasserstadt Limmer vertreten (Artikel der HAZ). Auf der gleichen Veranstaltung zur Bürgerbeteiligung, auf der auch ein Stadtbahnanschluss für die Wasserstadt Limmer wegen des angeblich fehlenden Kosten-Nutzen-Verhältnis abgelehnt wurde, fiel auch die Aussage: Eine „S-Bahn-Linie sei unter anderem wegen des vielen Güterverkehrs“ auf der Güterumgehungsbahn nicht möglich. Dies war mir bekannt; ich hatte es schon auf Wikipedia gelesen: „Die Güterumgehungsbahn Hannover gehört zu den im Güterverkehr wichtigsten zweigleisigen Bahnstrecken in Deutschland. Durch die Überlagerung von Seehafen-Hinterland-Verkehren der Nord-Süd-Richtung mit den West-Ost-Verkehren rollen die Züge bis auf eine relative Ruhe am Montagmorgen praktisch durchgehend. Dadurch, dass parallele Strecken rückgebaut wurden oder nicht elektrifiziert sind (wie die Bahnstrecke Löhne–Elze), ist eine so starke Konzentration eingetreten, dass minimale Störungen bereits den Schienengüterverkehr bremsen. Bei Lokführern heißt sie deshalb auch ‚Güterschleichweg‘.“ (Wikipedia: Güterumgehungsbahn Hannover, Stand 9.6.2021)

Auch aus Gründen des Betriebsablaufs braucht die Deutsche Bahn die bestehende Strecke der Güterumgehungsbahn exklusiv für Güterzüge. Aber was wäre, wenn man zwei zusätzliche Gleise neben die bestehende Strecke legen würde? Oder mindestens eines? Wenn das stimmt, was auf Wikipedia steht, dann sind Teile der Güterumgehungsbahn dringend erneuerungsbedürftig. Wenn sowieso eine Modernisierung ansteht, dann sollte man bei der Gelegenheit die Trasse mit zusätzlichen Gleisen für die S-Bahn ausbauen.

Die Vorteile der Taktverdichtung und zusätzlicher S-Bahn-Linien

Um sagen zu können, wie viel ein solcher Ausbau kosten würde (und ob ein zweigleisiger Ausbau möglich ist) wird man, wie bei der Diskussion solcher Vorschläge üblich, zuerst eine Machbarkeitsstudie brauchen.  Die Vorteile liegen aber auf der Hand. Zum einen würde dadurch neue S-Bahn-Linien möglich, insbesondere eine, die von Süden oder Westen kommend, über Weetzen und Empelde, zum Bahnhof Leinhausen fährt. Dies würde die Fahrtzeit mit S-Bahn und Stadtbahn von Weetzen zu den großen Betrieben in Stöcken von 40 oder 45 Minuten auf ca. 25 Minuten verkürzen. Mit dem Auto braucht man im Berufsverkehr ca. 30 Minuten.  Dadurch wäre es für manche Pendler rational, vom Auto auf S-Bahn und Stadtbahn umsteigen, und der Verkehr auf der B6 würde sich reduzieren. 

Fahrtzeitverkürzung durch Ausbau der S- Bahn

In dieser Hinsicht ist ein Ausbau Richtung Leinhausen sinnvoll, aber natürlich ist auch der Ausbau Richtung Letter möglich. Bei meinem anderem Vorschlag zum Schienennetzausbau, dem einer U-Bahn vom Limmer nach Letter, ist eine kombinierte S-Bahn/U-Bahn-Station an der Straße Rosenbuschweg vorgesehen, um eine Umsteigemöglichkeit zu bieten.

Wo neue S-Bahn-Stationen gebaut würden und wie genau die neuen S-Bahn-Linien aussehen sollen, kann an dieser Stelle offengelassen werden. Wichtig ist, dass sie nicht über den Hauptbahnhof führen und sich dadurch das Problem der begrenzten Kapazitäten des Hauptbahnhofs vermeiden lässt. Damit ließe sich für einen Bahnhof wie Barsinghausen ein attraktiver 15-Minuten-Takt bei der S-Bahn umsetzen. Grundsätzlich wäre sogar ein 10-Minuten-Takt möglich. Wer allerdings als Pendler Richtung Hauptbahnhof will, müsste, wenn sie (oder er) z.B. in Barsinghausen eine der neuen Linien einsteigt, in Weetzen oder Empelde umsteigen. Die Gesamtkapazität von Barsinghausen in Richtung Hauptbahnhof wäre nicht größer. Es würde sich also anbieten, die S-Bahn-Station Empelde auszubauen (und ggf. zu verlegen), um eine bessere Anbindung an verschiedene Buslinien und die Stadtbahn zu erreichen.  Aber wie viele Pendler fahren zum Hauptbahnhof? Wie viele würden stattdessen im Westen der Stadt Hannover auf die Stadtbahn umsteigen? Ohne eine Datenerhebung im Rahmen einer Machbarkeitsstudie ließe sich das nur sehr grob abschätzen. Wenn ich, mit ihren Stimmen, in die Regionsversammlung gewählt werde, werde ich diese Machbarkeitsstudie beantragen.

Eine Anmerkung noch zu den Kosten. Das Interessante an dieser Idee ist, dass man den Effekt der Taktverdichtung auch erreichen kann, wenn man nur die Verbindungskurve zwischen der Güterumgehungsbahn und der Strecke nach Empelde in Bornum ausbaut, und einen Bahnhof mit Abstellmöglichkeit für S-Bahn-Züge am Soltekamp baut. Die Kosten dafür wären überschaubar, aber bereits dadurch wurde eine Umsteigemöglichkeit von der S-Bahn auf die Stadtbahnlinie 9 geschaffen. Außerdem sollte ein Ausbau der Verbindungskurve (bislang eingleisig) auch dem Güterverkehr zu Gute kommen. Bislang besteht in der Region Hannover aber nicht einmal die Bereitschaft, über den Ausbau des Schienennetzes für die S-Bahn zu diskutieren. Das muss sich ändern!

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